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Haus H. in Kornau

Der Entwurf für das Einfamilienhaus der Familie H. basiert auf einer typologischen Überlegung für Einfamilienhäuser in unserer Region, die für den Workshop „Allgäuhaus" 1998 in Rotis auf Initiative von Florian Aicher, Eckhard P. Rieper und Michaela Gräfin zu Waldburg entwickelt wurde.

Familie H. hat dieser Entwurf gut gefallen. Sie hat dann hier in Oberstdorf ein Grundstück gesucht und in einer sonnigen Ortsrandlage über dem Talkessel im Ortsteil Kornau gefunden. Dort hat sogar ein zweites Häuschen Platz.

Wir haben die Gedanken des „Allgäuhaus" für das Grundstück weiterentwickelt und an die Wünsche von Familie H. angepasst.

Die Idee eines Massivholzhauses mit Heizung ausschließlich mit regenerativer Energie betrieben (Scheitholzheizung mit solarer Unterstützung) lag bereits dem „Allgäuhaus"-Entwurf zugrunde. Sie wird auch bei dem Projekt, das Einfamilienhaus Noich-Blüml (wenn auch formal in vollkommen anderer Ausprägung) angewendet und soll eine bewusste Anknüpfung an die traditionelle Allgäuer Bauweise sein. Neben dem Aspekt der Kosteneinsparung geht es den Bauherren und uns auch um eine gemeinsame, breite Abwendung von dem sog. „Alpinen Stil", der in unserer Region durch die „globale" Tourismuswirtschaft in der Vergangenheit jegliche Weiterentwicklung von regionaler baulicher Identität verhindert hat.

Das Allgäuhaus – Neuinterpretation einer regionalen Hauslandschaft.

1998 war ein denkwürdiges Jahr für den Allgäuer Architekturraum. Florian Aicher hatte alle engagierten Architekten des Allgäus eingeladen zu einem Workshop nach Rotis, dem legendären Ort an der Grenze von Bayern zu Württemberg gelegen. Aufgabenstellung war es, eine Alternative zu entwickeln zur mehr oder weniger gesichtlosen und trostlosen Zersiedelung einer Landschaft, die ehemals von tradierten regionalen Haustypen geprägt war. Im Idealfall also wieder einen Haustyp zu finden, der in der Lage war, auf verschiedene Orte individuell zu reagieren und trotzdem die Ausstrahlung eines traditionellen regionalen Bautyps zu besitzen – also genau das, was übliche auch noch so bemühte „Fertighäuser" nicht leisten können.

Im zum Workshop zugehörigen Wettbewerb konnte unser Büro mit einem „Allgäuhaus" den ersten Preis erringen. Die geplante Realisierung hat sich zunächst als Wunschtraum erwiesen. Das Modell landete im Regal.

Viel später, im Jahr 2004 entdeckte eine Familie aus Oberstdorf das Modell und entschieden sich spontan, dieses Haus zu bauen. So wurde das erste Allgäuhaus im Jahr 2005 Realität. Weitere folgten bis heute. Gemeinsam ist all diesen Allgäuhäusern die Zweigeschossigkeit, das flach geneigte Satteldach und die mittige Erschließung über eine quer liegende Treppe Die meisten liegen in einer noch als intakt anzusehenden Umgebung aus alten Gebäuden, landwirtschaftlichen Gebäuden und neuen Siedlungshäusern. Die Allgäuhäuser zeigen an jeder Stelle weit größere Übersummen mit den vorhandenen landwirtschaftlichen Nutzbauten und historischen Gebäuden als mit ihren zeitgenössischen Nachbarn. Gleichwohl werden sie bei der Bevölkerung als „hochmodern" angesehen.

Was die Bauweise betrifft, besteht die Typologie in der Entwicklung einer an die klassische regionale Holzblockbauweise angelehnte Massivholzbauweise aus Weißtanne, die unten näher beschrieben wird. Weitere von unseren Entwürfe an ganz besonders extremen Orten übernahmen das Konstruktionsprinzip, erhielten aber entwurfsbedingt eine ganz andere skulpturale Ausformung.

Der neue Holzblockbau

Die Wände, die Decken und die Dachkonstruktion bestehen aus massiven Holzscheiben.

Die Wände sind 40 cm stark, ohne Dämmungen und Luftschichten. Sie bestehen aus modulartig verwendeten Kanthölzern mit ca. 6/20 cm, die ineinander verfälzt werden und liegend oder stehend verwendet werden. Der tragende Wandkern besteht aus stehenden Hölzern. Dies ist der Hauptunterschied zur traditionellen Blockbauweise aus liegenden Balken. Verbunden zu kleineren Elementen werden die Hölzer durch schräg gebohrte Hartholzdübel und danach zu größeren Wandeinheiten durch Verschraubungen und Gewindestangen sowie durch eine als zweite Schicht von innen liegende Dreischichtplatte, die auch innere Luftdichtung und statische Scheibenwirkung gewährleistet. Die „Modul" – Hölzer 6/20 cm finden auch Verwendung in der Außen- und Innenschale. So ist eine perfekte Sortierung für die Sichtholzqualität gewährleistet.

Die Decken bestehen ebenfalls aus verdübelten und verfälzten Kanthölzern als massiv wirkende Scheibe. Im Dachtragwerk findet sich über der Massivholzdecke eine Dämmlage aus Holzfaserdämmstoff und einem hinterlüftetem Dach.

Ein Grund für die Verwendung der Massivbauweise ist die Speicherwirkung der Holzmassen bei gleichzeitig guter Dämmwirkung. Die Speicherfähigkeit ermöglicht eine volle Aufnahme der Strahlungsenergie der Sonne in die Bauteile. Die Speicherung verhindert ein schnelles Auskühlen über Nacht und sorgt für eine angenehme Phasenverschiebung im Sommer.


FOTOSTRECKE

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Bauherr: privat

Architekt: Noichl & Blüml Architekten BDA, Oberstdorf

Fotos: Klaus Noichl, Thomas Drexel